Realitätsverzerrungen

Verwirrtheit im hohen Alter kann recht putzig wirken. Wie sich Realitäten, Phantasien und irrlichternde Gedankenfetzen in der Erinnerung zu neuen Inhalten mischen erreicht durchaus fantastische Dimensionen. Ich sitze bei der Friseurin, die mit meiner Mum parliert, unsichtbar und der Demenz sei Dank schnell vergessen „um die Ecke“ und lausche interessiert dem Dialog der beiden Damen. Die Vergangenheit wird dabei neu gemischt, Neueres unterwandert Älteres, die Erlebnisse streben auseinander um sich dann je nach Gusto zu einer völlig neuen Erinnerung zu vereinen. Schmunzelnd und schwer beeindruckt präsentiert sich die ganze Familiengeschichte im neuen Gewand. Wenn das bei der Geschichtsschreibung auch nur ansatzweise ähnlich sein sollte, können wir alle scheinbar historisch bezeugten Fakten vergessen. Hoffen wir, dass sie besser gesichert sind. Passend dazu wähle ich „Good Bye Lenin“ als Abendfilm und nehme Anteil an der familiär inszenierten Geschichtsverlängerung der DDR, gewürzt mit harten Brocken ehelicher Verletzungen, mit Mut und Angst angesichts drohender oder imaginärer Konsequenzen. Ergreifend und erschütternd.

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Apollo 13 Desaster

Das Alter und Erkältungen sind ein Thema von dem ich besser schweige. Also tue ich es auch. Ansonsten kommen heute die Kerne für etwaige verfressene Zweiflügler in der Winterzeit. Ich nehme sie auf Lager, um die Futterschlacht zu eröffnen, wenn wir es für sinnvoll halten. Nach einem ruhevollen Tag ziehe ich mir Apollo 13 mit Tom Hanks rein. Ich muss mein Gemüt ein wenig erschüttern, so mitleidend ich bei allen Filmen, Serien und was weiß ich nicht alles bin. Ich lasse das nervenaufreibende Geschehen an mir vorbeiziehen und zittere bei jedem Problem mit, obwohl ich den Film mindestens dreimal gesehen habe. So bin ich halt.

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Vorfreude und Vorängste

Kaum sind wir wieder daheim, beginnt schon die Vorfreude auf die übernächste Reise. Irgendwann im ersten Drittel 2018 will ich in Laboe wieder eine Woche Schiffe gucken. Schiffe aus dem Nord-/Ostseekanal, die direkt vor unserem Fenster vorbeigleiten.Schiffe aus dem Nord-/Ostseekanal, die direkt vor unserem Fenster vorbeigleiten. Das wird nett. Beim morgendlichen Aufstehen wird mich die riesige Fähre nach Norwegen begrüßen und am Abend blicken wir auf die vielfach beleuchteten Riesen, die ihrem Ziel entgegenziehen. Das motiviert mich außerordentlich mal nach Weltreisen auf Kreuzfahrtschiffen Ausschau zu halten. Die Luxussuite gibt es schon für 65.000 Euro pro Person. Was mich wieder lehrt, dass man auch hohe Einkommen ganz schnell verdampfen kann. Die Schnäppchenangebote gibt es schon für 16.000 Euro pro Person: Innenkabine – 116 Tage fensterlos. Ein kleines Guantanamo für Klaustrophobiker. Immerhin reist man für gut 20.000 Euro bereits mit Balkon. Ich würde ja schon gerne auf Tour gehen aber das wäre schierer Horror für meine bodenständige allezeit fest gebuchte Mitreisende. Und die Spekulation, dass ich nach spätestens vierzig Tagen von einem massiven Bordkoller hin- und hergerissen werde, ist wahrlich nicht von der Hand zu weisen. Also lassen wir das besser. – Das jüdische Neue Testament und der Kommentar dazu üben eine eigentümliche Faszination auf mich aus. Die Evangelien und Briefe mal so zu lesen wie sie Juden lesen würden, an die sie vielfach ja auch gerichtet waren, finde ich äußerst spannend. Hoffentlich halte ich durch und wandle nicht wieder einmal die Begeisterung in ein Strohfeuer, das hell aufflammt und dann wieder verlischt. Die Zeit wird es zeigen. Wie so oft.

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Der zweite Tag

Ein zweiter Erkältungstag wie viele vorher. Man fühlt sich besser, bleibt länger als einem gut tut auf und erwartet voller Ungewissheit das, was der kommende Tag bringen wird. Na wunderbar. Ich sinniere unserem letzten Urlaub in Laboe hinterher und hoffe auf Fortsetzung. Die abendliche Studierstube, die ich eigentlich schwänzen möchte, überstehe ich dann doch recht ordentlich, ordentlich gedopt mit irgendwelchen ACC-Brausetabletten. Wenn die man gestern auch gewirkt hätten. Haben sie aber nicht. Schade.

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Schwitznacht

Ein guter Freund feiert seinen Geburtstag. Toll. Wir sind zum Brunch eingeladen. Auch gut. Und dann schlägt die Grippe zu. Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Schwindel, totales Unwohlsein und mehr – ich muss absagen. Merde. Mir bleibt die Horizontale und das Bett. Fange ich mir jetzt jedesmal, wenn ich draußen arbeite, eine Erkältung ein? Ich bin für dies Klima nicht konstruiert. Muss wohl so sein. Immerhin kann ich zwei Predigten hören – soviel Konzentration ist noch da. Weil ich gezwungenermaßen tagsüber ruhe kann ich nachts nicht schlafen. War ja klar. Dafür darf ich schwitzen nahezu ohne Ende. Es gibt Tage (und Nächte), die braucht man nicht. Doch denen ist das egal. Isso.

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Planken, Halbwahrheiten und Thailand

Es ist ein reines Vergnügen sich tiefe Gedanken über kleine Probleme machen zu können ohne dass man irgend etwas anderes verpasst. Beim Terrassenfegen fiel mir der Algenbefall auf unseren Dielen auf. Das sieht nicht sehr sympathisch aus. Ja, ich weiß, wie man sie beseitigen könnte. Aber eigentlich hatte man mir vor dem Verlegen versichert, dass das einzige Problem beim Nichtstreichen wäre, dass die Dielen grau würden. Von Algen war keine Rede. Auch nicht von Stockflecken unter nassen Blättern. Man wird hier entweder mit Fake-News oder mit Halbwahrheiten gefüttert. Das ist ätzend an dieser Welt. Wenn ich sowieso jedes Jahr die Planken behandeln muss, kann ich sie auch gleich streichen. – Ein wenig sentimental stimmt mich die Löschung unserer Thailand-WhatsApp-Gruppe aber das war überfällig. Erst nähert man sich in aller Bedächtigkeit der Reise und dann – schwups – ist alles Vergangenheit. Eine schöne Erinnerung. Immerhin.

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Nearly same procedure

Es ist wieder einmal Zeit meine ärztlichen Rechnungen und Rezepte zusammenzustellen und zur Erstattung einzureichen. Überrascht stelle ich fest, dass meine Versicherung inzwischen einen digitalen Versand akzeptiert. Scannen, hochladen, abschicken – alles roger. Da bin ich mal auf die Abrechnungspraxis gespannt. Mein Alter scheint sich allerdings in den Belegsummen widerzuspiegeln. Stark, was sich so im Laufe eines Jahres anhäufelt. Ich fühle mich gleich ein wenig schwächer. Bei der städtischen Beihilfe probiere ich ebenfalls etwas Neues aus. Ich scanne den Vordruck ein, speichere ihn als PDF-Datei ab und fülle ihn auf meinem iPad per Stift handschriftlich aus. Klingt umständlich, ist aber nur beim ersten Mal so aufwändig. Funktioniert dagegen einwandfrei und begeistert mich. Die neue Funktion des iPads zeigt charmante Züge. Ein winziges Lächeln schmückt daraufhin mein Antlitz. Nett. Vor unserem Balkon versammeln sich diverse Vögel und mahnen mich rechtzeitig ihr Winterfutter zu bestellen. Zu Befehl! Der Auftrag über 25 kg Sonnenblumenkerne verlässt mein iPad. Keine Sorge, liebe Piepmätze, wir verwöhnen euch in der Kälte. Same procedure as every year.

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Staunen, Panik, Speicherplatz

Ich staune über einen echten Buchladen. Eine große Buchhandlung mit Kalendern, CDs, DVDs, Schnickschnack in vielerlei Arten und Formen und vor allem mit papiernen, gebundenen oder geleimten, vielseitigen Druckwerken bestückt. Man kann die Exemplare in die Hand nehmen, durchblättern – manche sind ganz schön schwer – und in schier unendlicher außerzwecklicher Weise (Tischbeinverlängerung, Regalverzierung, Fliegenklatsche, Selbsterhöhungstool, Wurfgeschoss …) verwenden. Stark. Nur vergrößern kann man die Schrift nicht, da sind Zusatzwerkzeuge wie Lesebrille oder Lupe erforderlich. Nun ja, die Auswahl ist nicht klein jedoch durch natürliche Raumgegebenheiten begrenzt. Vor allen Dingen ist kein Strom vonnöten um die Teile zu lesen, wenigstens tagsüber. Wir leisten einen kleinen Beitrag zum Erhalt dieses Biotops – möge es wachsen und gedeihen. Im Seniorenheim meiner Mum pfeift mein Fahrstuhl eine schräge Melodie, fährt langsamst von ganz unten nach ganz oben. Er weigert sich konsequent meinen Etagenwunsch anzunehmen und öffnet im obersten Stockwerk nur äußerst widerwillig seine Türen. Schnellstens verlasse ich diese Zelle und stürme befreit die Treppe hinunter zu meinem Zielgeschoss. Abends im Hauskreis gerate ich „zufällig“ an meinen Taufspruch und nehme mir spontan vor, ihn mir zu merken. Das wird nicht leicht werden in meinem Speichersystem für ihn noch ein Plätzchen freizuräumen. Aber ich will es wagen: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32, Vers 8)!

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