Silvester

Zum Jahresende kann man schon mal sentimental werden. Schon wieder sind 365 Tage vorbeigehuscht, so kommt es mir vor. Und doch lag viel drin in diesen 52 Wochen. Ich werde morgen mal durch mein Tagebuch blättern und bin sicher, dass ich dann viel, viel dankbarer und fröhlicher zurückschauen werde – eine hervorragende Perspektive. Ansonsten bereiten wir uns auf den Wechsel der beiden letzten Jahresziffern vor, räumen, kramen und halten eine sehr ausführliche Mittagsruhe. Es kann spät werden. – Der Jahresabschlussgottesdienst – sehr gut, dass er inzwischen bereits um 17 Uhr stattfindet – fordert uns gemäß der diesjährigen Jahreslosung auf Frieden zu schaffen. Das ist ein breites Feld, allein schon in der persönlichen Umgebung. – Der gute alte Alfred Tetzlaff führt uns dann in den Abend ein. Es folgt traditionell ‚Dinner for one‘ und dann ist es höchste Zeit für das Käsefondue. Lecker. Der eine oder andere altersgerechte Schwank versüßt die Wartezeit auf das neue Jahrzehnt, das für mich ebenfalls traditionell mit dem Wechsel der Zehn-Jahres-Ziffer beginnt. Punkt und Ende jeglicher Diskussion mit irgendwelchen Mathe-Freaks. Um Mitternacht stoßen wir an, gehen nach draußen, stoßen mit den Nachbarn an und ich jage ein paar Raketen als Protest gegen die Feinstaub-Experten in die Luft. Es macht Spaß. Es wird in unserem Ort lang und ausgiebig geknallt. Auf unserer Terrasse ziehe ich mit einem Glas Sekt in der Hand und einer Neujahrszigarre im Mund meine Jahresbilanz im Gespräch mit meinem Herrn und Heiland. Ich liebe dieses ausführliche Gespräch mit IHM, muss es aber aus Kältegründen – ich werde immer empfindlicher oder die Zigarren immer größer – nach zwei Drittel des Lungentorpedos abbrechen. Meine Einzige hält bis zwei Uhr durch, ich dagegen lasse mich von Musik aus den siebziger Jahren umspülen und mitreißen. Den Abschluss bilden, das könnte ich ebenfalls zur Tradition werden lassen, ‚Zwischen Himmel und Erde‘ und danach ‚Siehst du das Lamm‘ von Albert Frey. Ein schöner Nachklang für die Nacht. Mein Bett wartet. Es ist vier.

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Rückblicke

Das Jahr klingt ruhig aus. Ein gutes Zeichen? Warten wir es ab. Holz für den Kachelofen bereitstellen, Raketen für Silvester (nur eine Packung als kleines Zeichen gegen die Verbots-Mafia) bevorraten und die Kontoeingänge bestaunen. Na gut, so richtig echt staune ich nun wieder nicht aber es ist jedesmal faszinierend ohne Arbeit Geld zu bekommen. – Abends ziehe ich mir zwei Jahresrückblicke rein, einen von Priol und den anderen von Nuhr. Beide amüsieren mich und stimmen doch nachdenklich. Die teilweise recht unterschiedliche Sicht der Dinge ist beeindruckend. Während Priol eher der Verbotskultur zuneigt (soll die junge Frau mit zwei Kindern doch an der Ostsee Urlaub machen – was will sie auf Malle?), zeigt sich Nuhr eher für technische Lösungen der Umweltfrage offen. Mich hat an den Linken schon immer ihre Besserwisserei und ihr Vorliebe für Zwang (gegen Andersdenkende und Abweichler) gestört, was übrigens auf der Gegenseite, in der rechten Chaoten-Clique ebenso ausgeprägt ist. Beiden wohnt ein erschreckendes Sendungsbewusstsein inne, das mich total abstößt, unter vielem anderen auch wegen der darin inkludierten Tendenz Wasser zu predigen und Wein zu saufen. Eine Begründung dafür finden diese Leute immer. Ich dagegen predige Christus und trinke gern mal einen Schoppen. Dass das gerade bei ihm zusammenpasst, dem man (sogar etliche seiner Nachfolger) so gern eine Verbotskultur anhängen will, begeistert mich immer wieder. Welch eine hintergründig lächelnde Zumutung als erstes Wunder Massen von Wasser in Wein zu verwandeln und später Brot und Wein (!!!) als Abendmahl einzusetzen. Letzteres fuchst viele seiner Anhänger so, dass sie Wein durch Saft ersetzen (nicht etwa als Ausnahme sondern generell). Wir fühlen uns halt klüger als unser Meister – welch eine Anmaßung, die leider, muss ich bedröppelt zugeben, die Sicht auf das Christentum oft und ausgiebig beschädigt hat. Äußerst bedauerlich.

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Verwirrung und Verwunderung

Wenn die eigene Altvordere immer mehr der geistigen Verwirrung entgegenschreitet, ist das ein herzverkrampfendes Gefühl. Wenn ihr Wunsch nach Isolierung ganz seltsame Wurzeln treibt, trifft das auf das völlige Unverständnis ihrer Umgebung. Was geht in uns vor, wenn wir alt werden? Wieso verändert sich unser Denken, ja unser Wesen so nachdrücklich, wenn die körperlichen Fähigkeiten uns verlassen und das völlig Selbstverständliche, in jungen Jahren Geübte, Gelernte, uns im Stich lässt? Wie weit ist es noch bis die mentale Welt frühester Kindheit uns wieder bedrückt? Nein, das richtig Altwerden, nicht das Kokettieren mit dem Älterwerden, kann ganz brutal grausam sein. Keiner will das aber sehr viele müssen da durch. Erschreckend. – Nordamerika wird uns heute im Kinoformat aus einem völlig anderen Blickwinkel präsentiert und im Anschluss besuchen wir Elefanten in Namibia. Der Abend schließt mit einem für mich neuen Barnaby ab. Heute schaffen wir nur einen Kerzendurchgang. Schade.

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Zwischen den Jahren

Es gibt so viel worüber ich mich aufregen könnte. Soll ich in solche Themen wirklich einsteigen? Ist das Salz oder Salzsäure für mein Leben? Hohen Blutdruck habe ich jetzt schon, mehr davon brauche ich eigentlich nicht. Also ermahne ich mich zur Ruhe, zur Zurückhaltung, zum Denkverbot über Aufregerthemen. Halte ich das durch? Keine Ahnung. Immerhin nehme ich Kontakt zu unserem Pastor über ein geistliches Aufregerthema auf, wir kommunizieren ein wenig darüber und schon ist die Lage entspannter. Im Januar werden wir uns austauschen aber bis dahin habe ich neue Denkansätze gefunden. So soll es sein. – Ich finde mein lang vermisstes Portemonnaie für Kleingeld wieder, es war einfach nur im Regal nach hinten gerutscht. Im Moment steht nur noch ein E-Book-Reader auf meiner Vermisstenliste und die Chancen sind sehr schlecht, dass er dort gestrichen werden kann. – Abends begebe ich mich wieder in diesen Aufregerkreislauf hinein – ich muss noch viel lernen. Immerhin erfreuen uns zwei Kerzendurchgänge am Weihnachtsbaum und ein zuckerärmerer Winzerglühwein. Mmhm.

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Literarisches Haschisch

Ich muss aufpassen, dass ich nicht aus dem System falle. Ich höre mir neuerdings Vorträge an, die zwar viel Wahres über den deutschen Journalismus offenbaren aber politisch völlig inkorrekt sind. Sie zeigen auf, weshalb Meldungen immer mehr mit Meinungen verquickt, ja von ihnen sogar geprägt sind. Sie verdeutlichen mir, weshalb ich mich als Leser oft wie in eine enge Schulbank gedrückt fühle während vorne der Lehrer referiert, äh, natürlich der Redakteur mir die Welt erklärt. Die Trennung von Meldung und Meinung ist passé, die Oberlehrermentalität hat sie ersetzt. Doch jeder Zweifel an diesem Systemwandel würde mich flugs in die Rolle eines Kritikasters drängen, denn eines ist ein Dogma: die summarische Unfehlbarkeit der Medien. Also muss ich wohl oder übel entscheiden ob ich mich treiben lasse oder getrieben werde. Doofe Wahl. Ich sollte eine Reise buchen und das kleinkarierte weltretterisch-selbstüberschätzende Deutschland zurücklassen. Oder Blumen gießen, das bewährte Rezept von Georg Kreisler. Alternativ könnte ich über die Unendlichkeit, die Ewigkeit, die Größe Gottes nachsinnen und mich in tiefschürfende aber absolut sinnfreie Gedanken versenken, die alles andere verdrängen. Besser noch Trivialliteratur lesen, die Gedanken abschalten und sich von den emotionalen Wellen einer sich immer selbst reparierenden Romanwelt tragen lassen. Literarisches Haschisch sozusagen. Meine Güte, dass drei Kerzendurchgänge so eine Wirkung haben. Fatal.

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Zweiter Weihnachtstag

Heute ist Gottesdienst angesagt und wir machen uns auf den Weg. In der Predigt beschäftigt mich die Frage „junge Frau“ oder „Jungfrau“ und lenkt mich völlig ab. Ich höre nur noch mit einem halben Ohr zu und das ist nicht gut. Leider aber auch nicht zu ändern. Die Frage wird mich wohl noch einige Zeit beschäftigen. – Ein absolut wohlmundendes Mittagsmahl und einen ausgiebigen Mittagsschlaf später halten wir uns für einen netten Besuch bereit. Der Messias verkürzt die Wartezeit. Die Gäste bleiben recht lange und das gefällt uns ausnehmend gut. Möglicherweise gewinnen wir dadurch sogar eine Stadtführerin für Kapstadt im nächsten Jahr, was exzellent wäre. Wir schaffen sogar drei Runden Kerzen am Baum natürlich unter ständiger Beobachtung. Der zweite Teil vom Rühmann-Film, mir ebenso bekannt wie der erste, amüsiert uns trotzdem. Ich wage es den Bewegungsmelder in unserer Garage wieder in die Alarmanlage zu integrieren und wenig später heulen die Sirenen auf. Da es bereits das zweite Mal geschieht, muss wohl irgendein Tier in der Garage zugange sein. Eine Wildkamera wäre da möglicherweise angebracht, denn morgens ist nichts mehr feststellbar. Was mag da herumirren oder -schwirren? Ich bin ratlos.

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Erster Weihnachtstag

Dem intensivsten Ausschlafen folgt ein bewusst kärgliches Frühstück und das ist gut so. Das kirchliche Angebot im Fernsehen ist eher bescheiden aber immerhin vorhanden. Wir öffnen die Weihnachtspost, sind dankbar für die vielen lieben Grüße und bestücken den Weihnachtsbaum neu. – Eine arme Ente hat das Fest nicht überlebt und ist auf unseren Tellern gelandet. Sie mundet hervorragend. Ein rechtes Festtagsmahl, das mich unsere viel zu ehrliche Waage vergessen lässt. Einem ausgiebigen Mittagsschlaf folgt eine Tee- und Kucheneinladung, die wir gerne wahrnehmen. Unser Kalorienkonto expandiert explosionsartig. – Freundlich lächelnd beschließe ich den Abend mit einem Rühmann-Film, bei dem ich nicht beschwören würde ob ich nicht bereits ein Silber-, Gold- oder Diamanten-Schaujubiläum hinter mir habe. Er ist trotzdem immer noch nett. Ich kenne viele bessere Filme aber nur wenige, die man so oft mit Vergnügen ansehen kann. Im übrigen schaffen wir heute nur zwei Kerzendurchgänge beim Baum aber beide sind beeindruckend. Ich liebe diese Symbolik.

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Heiligabend

Ein letztes intensives Aufräumen ist angesagt. Trotzdem schafft es das Winterdorf nicht aus dem Schrank auf den Kachelofen. Es regnet draußen, Schnee wäre schöner, jedoch zieht das Wasser die Tropfenform vor. Da kann man nichts machen. So bewaffnen wir uns mit Schirmen um von einem entfernteren Parkplatz unsere Gemeinde zu erreichen, denn frühes Erscheinen sichert gute Plätze. So ist es dann auch. Der Gottesdienst ist genial, anders kann ich es nicht ausdrücken. Die Kinder bleiben traditionell dabei und bleiben fasziniert – vom Anfang bis zum Ende und die Erwachsenen auch. Perfekt. Das gelingt durch eine zeichnerische Wiedergabe der Predigt auf einer Tafel per Beamer an die Wand geworfen. Die Kids verfolgen das spannende Entstehen des Bildes und die Älteren die Ausführungen des Pastors (mit einem Seitenblick auf die Zeichnung, natürlich). Ausgezeichnete Idee und allerbeste Ausführung – Respekt!!! – Im Seniorenheim, diesmal in dem meiner Schwester, findet unsere Familienfeier statt, traditionell mit Kartoffelsalat und Würstchen. – Zu Hause lassen wir die echten Kerzen am Baum Atmosphäre verbreiten, schauen dem Papst bei seiner Weihnachtsmesse zu und lauschen danach einer Ansprache aus dem Internet. Ich liebe diese technischen Möglichkeiten und bei manchen Zumutungen liebe ich den Ausschaltknopf, der heutzutage gern als Button oder Geste auftritt. Ach ja, einem Gewürztraminer geben wir ebenfalls Gelegenheit zu glänzen und das tut er auch. Ein schöner Abend.

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