Einsichten

Ich bin so ein richtiger Stubenhocker geworden. Früher musste ich raus, egal ob es eiskalt oder sauheiß war, alles Wurscht, der Arbeitgeber hätte mir andernfalls Beine gemacht. Heutzutage gebe ich meiner Kältephobie Raum und reduziere meine arktischen Ausflüge auf das Notwendigste. Gesund ist das nicht, ich weiß. Aber schön. Abends treffen wir uns in angenehmer Runde zu einem Geburtstagsmeeting. Ja, mir fehlt das rechte Wort. Fete wäre etwas übertrieben, Feier ist zu offiziell, Party wäre zu actionreich und Kränzchen hat noch ein paar Jahre Zeit. Das jüngste Küken in unserem Kreis ist Mitte 50, der Rest ist verrentet oder auf dem direkten Weg dorthin. An die Wirkung so eines „Altenclubs“ auf mich in meinen frühen Lebensjahrzehnten, denke ich besser nicht nach. Immerhin fällt uns auf, dass die alten Herrschaften damals sich vermutlich viel jünger gefühlt haben, als wir es ihnen zu dieser Zeit zugestehen wollten. Späte Erkenntnis.

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Bänke, Fauna und Todesfälle

Mein Rücken bietet mir eine elegante Entschuldigung den großen Gottesdienst in der Christuskirche zu umgehen. Die Kirchenbänke dort sind nämlich noch von der harten Art, die den unschönen Ruf dieser Art von Gestühl begründet hat. Die Akustik wurde schon vor etlichen Jahren fundamental verbessert, die kirchenschlaffeindlichen Holzkonstruktionen blieben, leider. Lieber höre ich zwei Predigten per Computer und erfreue mich geistlicher Lieder aus der Konserve. Auch gut. Es fehlt nur die Gemeinschaftsatmosphäre vor Ort. Man kann eben nicht alles haben. – Abends erfreue ich mich altersgerecht der Tierpflege im Zoo mit den sich ständig wiederholenden tierischen Ereignissen. Das und der sanfte Plauderton des Hintergrundsprechers hat irgendwie etwas Konstantes, Beruhigendes und Nervenschonendes. Man versäumt im Prinzip nichts, wenn man mal zwischendurch etwas schmökert oder den Raum verlässt. Kurfernsehen. Barnaby im Anschluss setzt das Wohlfühlprogramm fort, zwar mit ein paar Morden hier und da, die aber in britisch cooler Art gelassen aufgeklärt werden. Sonntagsruhe.

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Verführung

Man sollte es nicht glauben und dennoch bin ich immer noch mit unserem Büro beschäftigt. Die letzte Meile ist schlimm, hartes Brot, die übriggebliebene Unordnung will einfach nicht weichen. Und es gelingt doch! Das schlimmste Hindernis, jedenfalls sah es bis eben noch so aus, kann ich aus dem Weg räumen. Toll! Es geht vorwärts, sagt die Schnecke. – Ein Freund schickt uns – aus welcher Motivation auch immer – einen Text über ein Erziehungsmodell, das einfach nur grausam ist. Doch daraus erschließt sich mir die einfache Bauart jeglicher Verführung. Eigentlich ist das simpel. Man nehme Ansätze, die durchaus nachdenkenswert und gut sind. Dann übersteigere man diese bis zur Unkenntlichkeit in die Grausamkeit hinein und fertig ist der Bodensatz für eine menschenfeindliche Ideologie. So einfach ist das. Die guten Ansätze sind noch erkennbar doch alle Schlussfolgerungen daraus sind unverschämt verdorben falsch. Der Ideologe entfernt erst einmal jegliche Liebe oder noch fataler, formt diese in einer verqueren Scheinlogik zu Lehrsätzen um, die in Wirklichkeit Leersätze sind, inhaltslose Liebesphrasen. Das zu entlarven wäre im Grunde genommen nicht schwer, denn wo die Liebe fehlt ist der Wurm drin – doch ist erst einmal das Wort ‚Liebe‘ mit falschen Inhalten gefüllt, merkt man den Betrug nur sehr schwer. Und wir fallen drauf rein. Plumps, sitzen wir in der Grube und die ist mit dem gefüllt, was bei Mensch und Tier hinten heraus kommt. Prüfet alles und das Gute behaltet, aber prüfet streng! Leicht gesagt.

P.S.: Eine schlimme Folge soll nicht unerwähnt bleiben. Nach Entlarvung der Ideologie als solche werden mit ihr in einem Aufwasch ihre zwar verfälschten aber doch guten Ansätze gleich mit getilgt. Und so triumphiert die Ideologie am Ende doch. Fatal.

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Lästerliches

So ein echtes Faulenzertum hat etwas Inspirierendes. Das Wehe beim Laufen nötigt mich weitgehend zum Liegen. Viel Nötigung braucht es dazu allerdings nicht. Ich experimentiere mit der neuen elektrischen Verstellung meines Bettes herum, eine feine Sache, stelle ich fest. Der neue englische Krimi ist recht geschmeidig geschrieben und leitet unvermutet zu einer zwar nicht überraschenden wohl aber interessanten Lösung über. Ich mag das sanfte einlullende Geplauder dieser Trivialliteratur. Warum den Geist anstrengen, wenn die Sätze ihn leicht flutend umspülen? 😉😇 Das Alter liebt das Sanfte und Gemächliche. Das gewinnt in meinem abendlichen Fernsehprogramm eine treffliche Gestalt. Die leichten Wellen anspruchsloser Scheindramatik schaukeln mich behutsam in die nächtliche Ruhe hinein. Hirnrelaxing. Wenn ich mir schon verbiete über andere herzuziehen, kann mich keiner hindern das über mich selbst zu tun. Es macht zwar nicht soviel Spaß wie das Fremdlästern aber ist trotzdem lustig. Immerhin.

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Rücken habend


Ich habe Rücken. Aus heiterem Himmel, gleich nach einem erquickenden Bade, meldet sich meine Rückfront und äußert ihre Unzufriedenheit. Womit? Warum? Keine Ahnung! Irgend etwas passt ihr nicht. Und ich muss die Proteste nicht nur entgegennehmen, sondern auch ertragen. Mein neues hohes Bett erweist sich dabei als sehr entgegenkommend und ein – leider recht schwaches – Voltaren schwächt die Kraft des Protestes. Ich brauche unbedingt wieder Sonne, Wärme und mildes Wetter. Dieses nasskalte Etwas da draußen ist wider meine wirkliche Natur. Manche rühmen sich ihrer Kaltduscherkräfte, ich dagegen bin für das Gegenteil konstruiert. Möglicherweise hat das Bad meinen Rücken an die schönen Seiten des Lebens erinnert und jetzt fordert er diese ein. Da muss ich jetzt durch. Jau.

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Alltag

Der neue Tag beginnt mit dem Funktionieren der Telefone – ab Mitternacht sollen die Teile wieder okay gewesen sein. Morgens kann man sie jedenfalls nutzen. Der Tag bringt diverse Kleinarbeiten und eine außerplanmäßige Ablage – das Fach war so voll. Unschön. Außerdem soll es draußen kalt bleiben, so verzögert sich die Montage unseres Lichtbandes auf unbestimmte Zeit. Wenigstens ist das TV-Programm am Abend okay. Bonne nuit.

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Lukullisches, Historisches und Labiles

Früher ging ich ins Restaurant um gut zu essen und heute ins Möbelhaus. Hirschgulasch mit Semmelknödel und Rotkraut dazu einen originalen Almdudler. Lecker und toll. Ich staune über die Marketingaktivitäten dieser Branche mit Sonderpreisen für bestimmte Speisen – aber nur wenn man erstens das Heft samt Gutschein und zweitens die Originalkarte des Möbelhändlers dabei hat. Vom Computerzeitalter wird man brutal in die Rabattmarkenheftchen-Ära versetzt. Aber was soll man von einer Firma erwarten, die noch mit einem MS-DOS-System arbeitet. Historisch wertvoll! Ein extrem aggressiv expandierender Mittagsmüdigkeitsanfall macht sich bald darauf in mir breit. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich meine Lagerstatt um darin zu versinken. – Inzwischen ist sogar die endgültige Reisebestätigung eingetrudelt, die sind ja echt schnell, offensichtlich kein MS-DOS. Früher, in meiner aktiven Zeit, konnte ich mich danach einfach bei der Fluggesellschaft einloggen und mir gute Plätze im Flieger sichern. Theoretisch geht das heute auch noch so aber vor die Buchung hat der Lufttransporteur viele neugierige Fragen gesetzt – ebenso in einem Aufwasch über alle Mitreisenden – die mich schier überfordern. Grummel, grummel. Und dann schaltet die inzwischen pannenberühmte Wobcom auch noch unsere Telefone ab und ihre eigene Kontaktnummer gleich mit. Ab und an sagt das Internet auch mal ‚tschüß‘. Na toll. Immerhin kann ich da auf eine Alternative zurückgreifen. O tempora, o mores!

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Ausschlafgebot

Auf und in unserem Nistkasten – er wird alljährlich doppelt bewohnt – finden wir niedliche kleine Nester. Die Bauweise unterscheidet sich stark. Während die Blaumeisen im Nistkasten ein toll gepolstertes Nest mit einer kleinen Mulde in der Mitte gebaut haben, fügten die Grauschnäpper auf dem Dach des Kastens eher Moos an Moos und kreierten eine rundliche weiche Lagerstätte ganz hinten an der Hauswand. Stark. Am Nachmittag begebe ich mich auf die Pirsch. Nach langem Anschleichen und einem Fehlschuss, knapp am Ziel vorbei, erlege ich dann doch eine kapitale Urlaubsreise. Blattschuss. Ein äußerst gut bewertetes Hotel mit einem breiten Freizeitangebot, Halbpension zu einem recht ansprechenden Preis. Wie ich auf dieses Vermittlungsportal gekommen bin, keine Ahnung, das weiß allein Gott. Und dem bin ich vor allem von ganzem Herzen dankbar. Ich staune immer wieder über welche profanen Dinge ich mit ihm reden darf und wie er dann handelt. Danke!!! Allerdings ist eine für mich bittere Pille dabei – der Flug startet um kurz nach fünf Uhr morgens. O Graus. Da müssen wir ja um drei am Airport sein – anderthalb Stunden nach dem Schlafengehen. Ich glaube, ich werde diese Nacht durchmachen. Man sollte ein Nachtflugverbot einführen, das für Passagierflugzeuge bis 10 Uhr morgens dauert. Damit könnte ich gut leben. Wirklich!

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