Gedanken ums Reisen

Wir erwarten Besuch und so tilgen wir die Spuren unserer monatelangen Anwesenheit im Oberstübchen. Bei der Gelegenheit gehen gleich ein paar überflüssige Gerätschaften über Bord und wir ordnen einen Teil des Mobiliars neu an. So, jetzt haben alle Gäste sogar einen großbildschirmigen Mac zur Verfügung. Vielleicht sollten wir die Räume doch als Ferienwohnung vermieten – nur wer sollte wohl aus der Ferne anreisen nur um einen Wanderurlaub im Drömling zu verbringen? Das kann ich mir nur äußerst schwer vorstellen. In den freien Minuten denke ich über neue Reiseziele nach und was wir im neuen Jahr so alles anstellen könnten. Abends präsentiere ich unsere Urlaubsfotopräsentation bei Freunden und lächle unserem neuen Beamer zu. Er macht seine Sache sehr gut. Prima. Spät, ganz spät abends gondeln wir nach Hause und noch viel später falle ich in die Federn. Netter Tag.

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Abseitsphilosophien und ruhevolle Aktivitäten

Das wirkliche Altsein, also nicht nur läppische 60, 70 oder 80 Jahre, birgt gewaltige Tücken in sich. Alltägliche Problemchen können zu unüberwindlichen Bergen, schieren Gebirgen, heranwachsen und die Betroffenen stehen hilflos und verzweifelt davor. Wohl dem, der dann noch einen Sohn, eine Tochter hat, die sich der Nöte annehmen kann. Eine defekte Fernbedienung mit unterbrochenen Kontakten zwischen Drucktasten und der Platine darunter kann fast in die Depression treiben. Und dann kommt so ein junger Mann, mitten in den sechziger Jahren und schwuppdiwupp ist der Fehler erkannt und einer Lösung zugeführt. Der altgewordene Mensch schaut zu und wird sich seines Handikaps bewusst. Früher ging doch so etwas leicht von der Hand – und heute? Selbstbewusste schimpfen auf die moderne Technik, Schüchterne verkrampfen innerlich und beide wissen doch – ganz tief innen drin – um die eigene Abseitsstellung. Man fühlt sich so ausgegrenzt. Traurig. Mitunter kann Demenz hilfreich sein – das meine ich voll ernst. Den Rest des Tages verbringe ich vollinaktiv. Dass, das bloß nicht einreißt! Oder sind Vorüberlegungen zu Urlaubsreisen doch Aktivität? Korrektur: ‚verbringe ich voll aktiv‘. Jawoll.

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Weihnachten, die Zweite

Das Gottesdienstthema dreht sich um das alte Beamtenmotto „Das haben wir schon immer so gemacht“, das auch in Kirchen- und Vereinskreisen seine treuen Fans hat. Dass das erste Weihnachten alle damaligen Traditionen und Konventionen sprengte, wird uns schnell klar. Und unser Weihnachtsfest heute? Bei uns jedenfalls läuft es endlich mal wieder in den inhäusigen ruhigen Bahnen – keine Reise geplant und ein Jahresausklang in den eigenen vier Wänden. Ich freue mich. Unser neuer HomePod nimmt die Gelegenheit wahr durch klangvolle Wiedergabe zu glänzen und wir hören tiefenentspannt zu. – Nachmittags lauschen wir einer Weihnachtspredigt und abends erfreuen uns die uralten seltsamen Methoden des Franz Josef Wanningers mit seinem Adlatus „Fröschl“. Köstlich.

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Weihnachten

Jesus ist geboren! Halleluja! Mag ja sein, dass er Mitte August geboren wurde, wie es ein gelehrter Professor aus der Schweiz ausgerechnet hat aber das ist mir egal und nach über zweitausend Jahren unwesentlich für die Fete. Wir freuen uns heute besonders darüber! Allerdings begnügen wir uns mit einem Konservengottesdienst im gemütlichen Wohnzimmerambiente. Fein, dass wir das Ereignis auch mit einem besonderen Lunch feiern können und bei Freunden mit einer echten Ostfriesenteezeit. – Um die Freude noch zu steigern, dringt uns heute noch die Botschaft von einer Verlobung und einer Schwangerschaft im Bekanntenkreis ans Ohr. Prima. Außerdem fange ich wieder mit einer ersten vorsichtigen Urlaubsplanung an – hat ja lange gedauert – die letzte Reise war eben sehr intensiv und eindrucksmächtig. So schwingt der erste Weihnachtstag in aller Stille und Gelassenheit aus. Auch nicht schlecht.

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Heiligabend


Unser Tannenbaum wandert von der Terrasse ins Wohnzimmer und schminkt sich mit Kerzen, Kugeln, Ketten und Engelshaar. Lametta ist out. Hat sich versteckt und ist nicht aufzufinden. Schade. Ich liebe diese stille Provokation der herrschenden Geschmacksterroristen. Gutes Lametta bei Amazon soll 60 Euro kosten. So viel ist mir meine Provokation nun auch nicht wert. Unser Heiligabendgodi ist einerseits so wie ich ihn kenne und andererseits ganz anders. Er gefällt mir. Selbst unsere „Rockröhre“, die Lieder gern lauthals schmettert, hält sich lautstärkemäßig ein wenig zurück – oder wirken nur die vielen Menschen geräuschdämmend? – egal, mir gefällt’s. Okay, ein traditionelles Weihnachtslied hätte mein Sahnehäubchen sein können, denn „O du fröhliche“ ist für mich eher ein Lobpreislied (sich wiederholende Textpassagen mit drei kurzen Ansagen je Strophe, dafür aber mit Inbrunst gesungen). Man kann halt nicht alles haben. Das Anspiel ist sehr gut, die Predigt ansprechend und die Konzeption überzeugend. Prächtig. Schmunzeln muss ich über den Filmbeitrag mit einem amerikanischen Jesus und einer heiligen Familie, die vom Menschentyp her in Israel wohl zu den Fremdlingen zählen würde. Ist doch spannend (und gar nicht so falsch) wie wir Jesus in unsere Kultur integrieren. Meine Familienweihnachtsfeier im Anschluss „glänzt“ dagegen durch ihre Weltlichkeit. Dankbar bin ich für den heimischen Abschluss und der katholischen Mitternachtsmesse im TV. Beides tut mir gut.

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Null Godi

Ein gottesdienstloser 4. Advent ist irgendwie trist. Meine Gemeinde steht mit dieser Verfahrensweise bei weitem nicht allein da. Landauf, landab reduziert sich die Zahl der Gottesdienste rund um die Weihnachtszeit. Stattdessen feiern wir überall Gottesdienst am Vorabend des Festes. Diese Gottesdienste sind übervoll, der Festgottesdienst, inzwischen meist am zweiten Weihnachtstag, ist überwiegend weniger stark frequentiert. Das ist so als ob am Ostersamstag die Menschen zur Kirche strömen und am Ostersonntag eher weniger. Und warum, bitteschön, feiern wir mit Gott nur einmal? Ja, ja, es ist mir schon klar, weil wir als Gemeinde dann möglicherweise gerade die Mindestzahl erreichen würden („wo zwei oder drei …“). Schande über uns, über mich. Vielfach entfällt der Gottesdienst „zwischen den Jahren“, dafür versammeln wir uns am Silvesterabend, obwohl der Jahreswechsel des Kirchenjahres schon einen Monat zurückliegt. Wir verhalten uns eben recht seltsam. Allesamt. Was klage ich überhaupt, habe ich nicht heute im Internet einen schönen Gottesdienst gehört? Vielleicht fehlt mir einfach der Aufbruchsstress, die Parkplatzsuche und der Lärmpegel rund um mich herum bevor es losgeht? Immerhin muss ich nicht hinaus in diese typische nassfrische Wetterzumutung. Das versöhnt. Oder doch nicht?

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Arbeit unser Leben?

Ein weiterer Tag, der mich ans Haus fesselt. Das kommt mir ganz gelegen bei hohen Innentemperaturen in Konkurrenz mit den aushäusigen Gradzahlen. Das übliche „Nur-mal-schnell“ bei einem Internetauftritt weitet sich zu einer zeitfressenden Operation aus, bis ich improvisiere, kurz bevor ich verzweifle. Auch ein Ausweg. – Meinen Einsatz im Büro zögere ich geschickt hinaus, bis mir nichts mehr übrig bleibt als mich hineinzuwagen. Okay. Mit Inspiration und Kreativität, gepaart mit der unvermeidbaren Chuzpe-Mentalität, gelingt es mir die letzte Umzugskiste in ihren ursprünglichen, gefalteten, Zustand zurückzuversetzen. Toll! Nach und nach finden Kleinteile eine neue Heimat und Optimismus macht sich breit. Jetzt noch schnell eine kleine elektrische Installation im Wohnzimmer … nun ja, so schnell nun auch wieder nicht… Grübel, grübel, grübel … Schweren Herzens greife ich zu einer Lösung mit dem Charme der 50er/60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Zweifellos elektrisch sicher aber doch recht eigen. Sie verschwindet hinter dem Schrank und das ist gut so. – Der abendliche Stubbe langweilt mich so, dass ich ausschalte. Oder nervt mich nur sein Gefasel vom Ausrangieren, aufs Abstellgleis schieben und dergleichen mehr? Ich dagegen genieße jeden Tag meines Ruhestandes, danke Gott für diese tolle Zeit und der Typ sehnt sich nach seiner Maloche zurück. Verrückt. Höchstwahrscheinlich entgeht mir, dass dergleichen zum ideologischen Auftrag der Fernsehmacher gehört. Inzwischen ist nämlich der weibliche Teil der Bevölkerung fest davon überzeugt, dass das Putzen von Büroräumen, dass Regale einräumen, die Schichtarbeit am Band oder das abwechslungsreiche Warenscannen (immer ein neuer Strichcode) besser und wertvoller ist als eine freie selbstgestaltete Freizeit im eigenen Umfeld. Mich freut, wenn Frauen heutzutage ihren Beruf frei wählen können – nur warum gilt das als alternativlos? Hausfrau oder Hausmann ist für mich eine sehr ehrenwerte Tätigkeit. Und nun will man, quasi als zweiten Schritt, uns Rentnern vorgaukeln wie toll es ist länger zu arbeiten statt seine begrenzte verbleibende Lebenszeit in die eigenen Hände zu nehmen. Irre. Ich staune. Als Begleitmaßnahme senkt man das Rentenniveau, um eine zusätzliche monetäre Motivation zu erzeugen. O, ihr vielgeschlitzten Ohren, ihr macht – aus eurer Sicht – einen guten Job. Ich verachte euch.

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Schach

Und wieder stöhnt der Räumesel, also ich. Doch nach und nach wird der Fußboden wieder sichtbar und verdünnisieren sich die Kartons. Und tschüß. Die Kleinigkeiten bereiten die größten Schwierigkeiten – fast wie im normalen Leben. Mein gequälter Gesichtsausdruck hellt sich immer mehr auf. Doch noch grinsen mich unzählige Kleinteile aus vielerlei Richtungen und Zwischenlagerhöhen an. ‚Was willst denn du – wir sind mehr?!‘, scheinen sie mir entgegenzuschmettern. Doch ich weiche nicht zurück. Unerbittlich stopfe ich Stück um Stück in neugefundene Heimstätten, arbeite mich unermüdlich voran … Und dann springt die letzte Umzugskiste auf und mir schallt ein frohgemutes „Schach“ entgegen. Doch ‚Schach‘ heißt nicht automatisch ‚Matt‘ und meine Bedenkzeit ist dehnbar. So nehme ich eine Auszeit und werde morgen mit einem neuen überraschenden Spielzug das Endspiel einleiten. Hoffentlich.

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