Barmherzigkeit

Heute beschäftigt mich ein frisches Interview in idea mit Johannes Hartl, über den ich schon viel vernommen aber bislang noch keine Predigt gehört habe. Außerdem stöbere ich in den Rezensionen über das Buch „Der Skandal der Skandale“, das ich – selten kommt so etwas vor – sogar weiterempfohlen habe. Das hätte ich wohl nicht tun sollen. Eine Empfehlung erwartet irgendwie, dass das Lesen eines Buches weiterbringt (wie auch immer). Nach den Kritiken mit denen Hartl konfrontiert wird und den Kritiken über das Buch von Manfred Lütz befürchte ich, dass unser Denkprozess so nicht funktioniert. „Drum prüfe ob sich’s so befindet…“ ist nicht angesagt, sondern eher „… dass nicht sein kann was nicht sein darf“. Wer dann noch, wie Lütz, ein engagierter Katholik mit stark eingefärbter Brille ist, der kann ja nur Kokolores verbreiten und muss sich zwangsläufig irren. Und tatsächlich bietet er etliche Angriffsflächen. Doch viele seiner Kritiker toppen ihn locker in bedingungsloser Liebe zu ihrem eigenen Weltbild. Was sie seiner Argumentationsweise – durchaus nicht immer unberechtigt – vorwerfen, praktizieren sie zwei Sätze später genauso und merken es noch nicht einmal. Ich schließe daraus: Wir (also auch ich) wollen Bestätigung und nicht Infragestellung, wir wollen nicken und nicht prüfen, wir tarieren unser Denken an dem aus, was in unseren Kreisen „in“ ist, bloß nicht „aus der Kiepe hucken“, das geht ja gar nicht. Doch ich mag lieber bunte Vögel als Betonköpfe. Selbst wenn Letztere meine Ansichten knallhart teilen, mag ich sie nicht. Ich mag meinen unfassbar großen, unbegreiflich vielfältigen, sich meinem Verständnis souverän entziehenden, uns streng richtenden in liebevollen Händen haltenden und barmherzigen Gott. Ja, den mag ich sehr.

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Möbelmoden und ein Riesenschnitzel

Einer spontanen Idee folgend flanieren wir durch Möbelhäuser. Fast hätte ich vergessen wie nervig das sein kann. Am schmerzhaftesten ist die Anpassung des eigenen Geschmacks an die gerade gängigen Designtrends unter Berücksichtigung negativer Erfahrungen mit längst überwunden geglaubten ähnlichen historischen Trends. Alterswissen kann schon eine Last sein. In Braunschweig gönne ich mir ein XXXL-Schnitzel mit Pommes. XXXL stimmt, denn Platz für die Pommes ist definitiv nur unterhalb des Schnitzels. Selbst der Ketchup reist in einer XXL-Quetschtüte an. Die Qualität ist erwartungsgemäß nicht XXXL, eher L. Aber gut essbar und stark sättigend – also okay. Und der Preis stimmt auch (weit entfernt von XXXL). Bei den Möbeln ist es anders. Billigmöbel bewegen sich preislich meist im unteren Level. Die tollen, ansprechenden und arg gefälligen Stücke schweben dagegen im XXL-Bereich mit steigender Tendenz. So warte ich erst einmal den Abschluss meiner Geschmacksnivellierungsmühsale ab und bereite meine Argumente für den fälligen ehe-internen Austausch vor. Mal sehen ob die Harmonisierung gelingt. Abwarten.

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Schuldverstrickung

Wir feiern Gemeindefest. Das ist sehr schön. Dafür muss ich aber zuvor einen Relevant-Gottesdienst, ein Gottesdienst speziell für Gäste, über mich ergehen lassen. Das fällt nicht leicht. Ich habe nichts dagegen, dass man sich die Umweltproblematik zum Thema macht. Aber der oberflächliche, kirchentypische, im tiefsten Sinne doch wieder nur ich-bezogene, Umgang mit der wirtschaftlichen, ebenso politischen, wie auch völkerspezifisch-kulturellen (um nur einige wenige zu nennen) Dimension der Problematik lässt mich tief erschüttert zurück. Ich kann also statt des Billig-T-Shirts ein hochwertigeres kaufen. Wenn das sehr viele Menschen machen sind beispielsweise drei (von vielen anderen) Folgen denkbar: 1. Der Billigheimer geht in Asien pleite und seine Arbeiter werden arbeitslos. Trage ich eine Mitschuld an ihrer Arbeitslosigkeit? 2. Der Billigheimer beutet seine Arbeiter wie vorher aus, produziert aber ein teureres Label und kassiert mehr Gewinn. Meine Mitschuld am Schicksal der Arbeiter mindert sich dadurch nicht. 3. Die Markenlabelfirma wird motiviert nur noch in Fabriken mit angemessener Bezahlung produzieren zu lassen. Die T-Shirts werden teuerer, sind aber haltbarer, der Absatz sinkt und damit reduziert sich die Zahl der Beschäftigen beim Markenlabel, ganz zu schweigen vom Personal des Billigheimers. Die Misere ist, dass wir immer schuldig werden und nicht nur beim T-Shirt-Kauf oder -Nichtkauf. Wir Menschen haben uns in eine Verschlingung hineingearbeitet, aus der wir nicht entfliehen können. Nicht Aktionismus hilft weiter, sondern wohlüberlegte gezielte Maßnahmen wären nötig. Industrie- oder Handwerkszweige müssten dazu behutsam umgestaltet und zielgerichtet gefördert werden. Doch da stehen große Konzerne, aufgeblasene Diktatoren und einflussreiche Oligarchen im Weg. Unausräumbar im Weg! Nach meiner beschränkten Sicht bleibt mir im Grunde genommen nur, gezielt Menschen in konkreten Projekten zu helfen. Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen ändere ich nicht, egal was ich kaufe oder im Regal liegen lasse. Aber einen Brunnen kann ich bohren lassen – selbst wenn zwei Drittel meiner Knete in Korruptionskanälen versickern sollte, bleibt der Brunnen. Ich kann ein Frauenhaus in Peru unterstützen, das tatsächlich gebaut wird. Ich kann die Drogenrehabilitation in fernen Ländern oder hier vor Ort unterstützten. Ich lamentiere nicht über die Beschaffenheit meiner Schuld, die Jesus sowieso für mich getragen hat sondern setze konkrete Zeichen in dieser Welt, die für meine Mitmenschen echt hilfreich sind. Und das darf mir ruhig etwas wert sein. Hauptsache ich tue es gern. Ach ja, Deutschland verliert gegen Mexiko. Na und? Gut für Mexiko!

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Bunter Vogel

Unser großer Bruder jenseits des Kanals sucht sich seine Azubis aus. Und da geht er sehr geschickt vor. Es gibt eine große Info-Veranstaltung in der Fabrik. Ich staune über die Win-Win-Situation. Nun gut, ich bin zwar nicht selbst dabei aber ich erfahre aus erster Hand wie das läuft. Zuerst gibt der Interessent einen Bogen mit seinen persönlichen Standarddaten ab. Das ist auch nötig, damit der Konzern weiß, wer auf seinem Gelände herumtigert. Dadurch erhält dieser allerdings so ganz nebenbei die Info ob künftige Bewerber sich bereits im Vorfeld interessiert gezeigt haben. Ist ja gut zu wissen. Außerdem lernen potenzielle Interessenten das Werk von innen kennen, schnuppern ansatzweise die Werksatmosphäre. Sie werden durch deutlich vermittelte Erfolgszahlen zu bestimmten Berufen geschickt geleitet (1:100, 1:10 oder gar 1:3 – also eine von hundert, zehn oder drei Bewerbungen v.H. wurden dort jeweils akzeptiert). Außerdem können sie sich mit echten Azubis austauschen und lernen einzelne Ausbilder kennen. Die Currywurst dürften allerdings viele schon vorher konsumiert haben. – Ich vergnüge mich derweil in einem Gottesdienst-Moderatoren-Seminar. Der Austausch ist arg nett, nur habe ich den Eindruck, dass man sich zu tiefsinnige Gedanken über unsere Gäste macht. Fraglos gibt es Gastgeberselbstverständlichkeiten, die man beherzigen muss. Darüber hinaus git es Gastgeberfreundlichkeiten, die man praktizieren sollte. Einverstanden. Doch ob man fast tiefenpsychologische Gedankenspiele veranstalten muss was wohl ein Besucher denken könnte – das geht mir zu weit. Wer in einen fremden „Club“ geht – egal ob christlich, sportlich oder gesellig – weiß, dass dort eigene Gebräuche herrschen, die man als Fremder erst einmal erkunden muss. Das ist halt so. Diese „Schwellen“ kann man gern mit „Querungshilfen“ versehen – doch unser „Wasser“ ist allerhöchstens knietief. – Während abends der Fußball durchs TV tobt, sitze ich auf der Terrasse und lasse mir meine Rauchen-ist-tödlich-Pfeife schmecken. Meine Mitbürger lieben offensichtlich die Schwarz-Weiß-Malerei. Ich mag Farbe. Bunter Vogel? Nö, Beamter i.R.

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Ein Nebenjob und ein später Neffe

Mein alter, in Ehren ergrauter, iMac bekommt heute die Chance erneut in den Dienst, sozusagen in eine altersgerechte Nebenbeschäftigung, gestellt zu werden. Dazu müssen etliche Anwendungen weichen. Auf ihm haben sich im Laufe der Jahre ganz schön viele Programme eingenistet. Teilweise weiß ich gar nicht mehr wozu sie vormals dienten und erst recht nicht was sie möglicherweise heute noch könnten. Egal, weg mit ihnen! So lasse ich ein Deinstallationstool sie vom iMac sanft entfernen bis selbiges Tool sich an einem Programm völlig verschluckt. Nach einer Zeit wuchernder Ungeduld erschließt sich mir dann, dass das Wegwerftool ein Update erfleht. Also erfülle ich ihm die Bitte. Danach fluppt es wieder. Gegen Abend läuft mein Neffe auf, nicht ganz pünktlich, denn er kommt mit der Bahn. Alle reden von Verspätungen und die Bahn first. Wäre doch auch ein Slogan. Leider muss ich konstatieren, dass „Death in Paradise“ total schwächelt. Schade. Der Originalitätsverlust läuft parallel zu dem stetigen Wechsel der Kommissare. That’s live in TV. Genauso oberflächlich gestaltet sich mein Schlaf. So isses, leider.

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Who Cares?

Das ist wieder so ein Tag wo mich Politiker echt zum Absondern leicht verdauter Flüssigkeiten aus dem Mageninneren motivieren. Einer will partout seinen Willen durchsetzen und lässt rumpuntern, die andere will in 14 Tagen eine andere – schier unmögliche – Lösung kreieren. Na und? Rein logisch würde man ihr lässig die drei bis vier Wochen einräumen um umfassendere Lösungen zu schaffen. Falls das, wie leider zu erwarten, nicht funktionieren sollte, kann man ja immer noch auf der eigenen engeren Vorgehensweise bestehen. Aber Profilierungssucht killt jede Logik – eine Grundregel der Politik. Bleibt mir doch vom Acker. – Immerhin gelingt es uns heute die erste Hälfte unseres Holzes zu spalten, um es für eine künftige thermische Verwertung fit zu machen. Abends im Hauskreis diskutieren wir über Krankenheilung, Brotvermehrung und Hungerhilfe. Außerdem wird das Flüchtlingsthema heiß erörtert – Negativbeispiele gibt es inzwischen ja einige. Offensichtlich haben, meine ich, die Verantwortlichen eine deutsche Eigenschaft völlig missachtet. Wir lieben nun einmal klare, geregelte Verhältnisse. Ordnung ist, nach wie vor, der Hit. Und jetzt pendeln mitten unter uns Menschen herum, die unerfasst ins Land strömten, Menschen, die abgeschoben werden sollen aber aus vielerlei Gründen dennoch hier bleiben. Flüchtlinge, die mancherlei Meinung nach keine sind, lassen es sich hier – den Umständen entsprechend – gut gehen und Flüchtlinge, die wir lieb gewonnen haben werden abgeschoben. Wir blicken nicht durch. Alles wirkt so unordentlich und das mögen wir gar nicht. Das sind wir allergisch. Echte, gute, handfeste und nachvollziehbare Verwaltung ist nötig. Aber die kostet Geld. Zwei oder drei zwar nicht flugfähige aber dafür nett anzuschauende Airbus A400M weniger. Das geht ja gar nicht. Besser streiten als zahlen. Bringt nur nichts. Na und – wen kümmert’s?

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Blitzfolgeschädenbeseitigungsaktionen

Die Wobcom rollt mit voller Kompetenz an. Vorher lege ich noch schnell alle relevanten Anschlüsse und Verbindungsdosen frei. Der Techniker stürzt sogleich auf den Router zu und ist von einem Defekt dieses Gerätes überzeugt. Meinen Einwand, dass Fachkräfte der Wobcom diesen bereits überprüft hätten, wischt er entschlossen beiseite. Und was soll ich sagen, der gute Mann kennt sich aus. Im Gegensatz zu seinen Kollegen. Das DSL-Signal kommt nachweislich an der Box an, doch diese verweigert strikt die Annahme. Blitzdefekt. Sein letztes Ersatzgerät hat er beim Kunden vor mir gelassen – heiliger St. Florian, hätte er nicht zuerst zu uns kommen können (aber das ist kein frommer Wunsch, nein gar nicht). Aber meine diakonisch aktive Gefährtin muss sowieso noch in die Stadt und da kann sie ein Ersatzgerät gleich mitbringen. Und das tut sie auch. Dann beginnt mein Job der Konfiguration. Die Einspielung der gesicherten Daten vom alten Gerät auf das etwas kleinere Leihgerät klappt natürlich nicht. Also konfiguriere ich den Vorabend so vor mich hin. Glücklicherweise liegen wobcomspezifische Einstellungshinweise bei, was vieles vereinfacht. Doch jedem einzelnen Telefon, jedem Repeater und ebenso dem DECT-Repeater will sich die neue Box persönlich vorstellen. Also trage ich die Teile einzeln dorthin und leite durch ein paar Buttonklicks die Willkommenszeremonie ein. Endlich haben wir Netz und Telefon wieder. Wurde auch Zeit. Jetzt sollen wir das defekte Teil einsenden und wenn es repariert ist, steht mir dieselbe Prozedur noch einmal bevor. Aber vielleicht, möglicherweise, eventuell erkennt die Box ihre eigene Sicherungsdatei ja wieder. Mag sein. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Men in Black

Und wieder einmal rücke ich den angeblich nicht mehr vorhandenen Insekten auf der Haube und Scheibe unseres Beetles zu Leibe. Noch so eine Sau, die gerade durchs Dorf gejagt wird. Ein paar andere Reinigungs- und Bildbearbeitungszeiten weiter naht sich auch schon der Abend. Natürlich vermisse ich meinen Internetzugang und bin dankbar für das hohe LTE-Volumen. Ach ja, so ganz nebenbei buche ich noch ein Hotel, das in der Zielstadt angeblich in der Nähe der Innenstadt liegen soll. Genauere Recherchen ergeben dann eine Fußlaufzeit von 20 Minuten und ich lerne, dass Nähe relativ ist. Aha. In Singapur haben sich zwei Poltergeister getroffen und sich darauf geeinigt, dass sie sich irgendwie einigen wollen. Wenn ich jetzt die „Men in Black“ ernst nehmen würde, könnte ich ja möglicherweise zu der Auffassung gelangen, dass sich hier zwei Außerirdische in Präsidentenämter eingeschlichen haben. Aber das sind ja bekanntlich Fake-Filme. Wirklich? Kaum zu glauben.

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